Stiften ist eine Frage der Struktur: Ein Gespräch über moderne Wege des gesellschaftlichen Engagements

Christian Nagel, Partner und Steuerberater bei HPW, im Gespräch mit Majk Koliqi, Berater für institutionelle Kunden bei der NATIONAL-BANK AG, Essen

Christian Nagel: Herr Koliqi, 2024 wurden über 700 neue Stiftungen gegründet. Dabei beobachte ich in der Beratung: Die Mandanten werden jünger. Was bewegt Ihre Kunden derzeit, sich mit dem Thema Stiften auseinanderzusetzen?

Majk Koliqi: Ich nehme wahr, dass sich der Blick auf Stiften verändert hat. Es geht vielen nicht mehr nur darum, Vermögen weiterzugeben, sondern bewusst zu gestalten, was daraus entsteht. Gleichzeitig spielt der Zeitpunkt eine größere Rolle. Engagement wird nicht mehr ausschließlich ans Lebensende verschoben, sondern als etwas verstanden, das man bereits zu Lebzeiten erleben und nachvollziehen möchte. In der Beratung zeigt sich dabei häufig, dass weniger das „Ob“ im Vordergrund steht, sondern die Frage, wie ein solches Engagement sinnvoll und dauerhaft ausgestaltet werden kann.

CN: Dabei schreckt viele Interessierte die Komplexität der Gründung einer Stiftung und ihr formal anspruchsvoller Stiftungsbetrieb von einer weiteren Umsetzung ab. Was unterscheidet Ihr Stiftungsfonds-Konzept von einer klassischen Stiftung?

MK: Ein wesentlicher Unterschied liegt in den strukturellen Anforderungen. Die Errichtung einer rechtsfähigen Stiftung ist regelmäßig mit einem höheren Kapitalbedarf verbunden und setzt darüber hinaus organisatorische Strukturen voraus, etwa in Bezug auf Gremien, Verwaltung und laufende Prozesse. Auch das Genehmigungsverfahren ist in der Praxis nicht unerheblich. Demgegenüber ermöglichen Stiftungsfonds einen deutlich einfacheren Zugang. Sie können bereits mit überschaubaren Beträgen eingerichtet werden und sind so ausgestaltet, dass die administrativen und operativen Aufgaben durch die bestehende Struktur übernommen werden, während der Stifter die inhaltliche Ausrichtung vorgibt.  Neben diesen strukturellen Unterschieden spielen in der Praxis erfahrungsgemäß auch steuerliche Überlegungen eine Rolle.

CN: Die Steuervorteile sind evident: Innerhalb von 10 Jahren können Sie bis zu 1 Million Euro – bei Ehegatten 2 Millionen – als Sonderausgaben absetzen. Flexibel verteilt über den Zeitraum – je nachdem, in welchen Jahren hohe Einkünfte vorliegen. Zusätzlich können Sie jährlich 20 Prozent Ihres Einkommens spenden. Bei einem gutverdienenden Unternehmer kommt da schnell ein sechsstelliger Steuervorteil zusammen. Aus meiner Beratungspraxis muss ich aber sagen: Das Vermögen steht dem Stifter selbst nicht mehr zur Verfügung – unwiderruflich. Diese Erkenntnis führt manchmal zu ernüchternden Momenten.

MK: Absolut richtig. Diese Unwiderruflichkeit ist ein zentraler Punkt und sollte nicht unterschätzt werden. Gerade deshalb spielt die Ausgestaltung des Einstiegs eine wichtige Rolle. Modelle, die es ermöglichen, zunächst mit einem überschaubaren Betrag zu beginnen und das Engagement schrittweise weiterzuentwickeln, können helfen, ein besseres Gefühl für die eigene Entscheidung zu bekommen.

CN: Jetzt müssen wir aber auch über die Kehrseite sprechen. Ein Stiftungsfonds bedeutet: Ich gebe Kontrolle ab. Wie gehen Sie mit dieser Vertrauensfrage um?

MK: Das ist tatsächlich eine zentrale Frage und sie sollte auch genauso gestellt werden. Ein Stiftungsfonds setzt Vertrauen voraus, weil die Umsetzung nicht vollständig in der eigenen Hand liegt. In der Praxis kommt es deshalb entscheidend auf die Struktur und die beteiligten Institutionen an. Die Mehr. Wert. Stiftung steht unter dem Dach der Ruhrstiftung Bildung und Erziehung und ist damit in eine gewachsene, regional verankerte Struktur eingebettet, die über langjährige Erfahrung im Stiftungswesen verfügt. Ein wesentlicher Faktor ist dabei auch die fachliche Begleitung. Mit Dr. Thomas Franke, Geschäftsführer der Ruhrstiftung Bildung und Erziehung und Syndikusanwalt der NATIONAL-BANK AG, ist eine Persönlichkeit eingebunden, die sowohl über tiefgehende rechtliche Expertise als auch über ein belastbares Netzwerk im Stiftungswesen und unserer Region verfügt. Gleichzeitig ist das Vermögen als Sondervermögen rechtlich geschützt und die Verwendung der Mittel kann in der Vereinbarung klar und verbindlich festgelegt werden. Dadurch entsteht ein Rahmen, der Sicherheit gibt und zugleich die inhaltliche Ausrichtung des Engagements wahrt. Entscheidend ist aus meiner Sicht die richtige Einordnung: Ein Stiftungsfonds ist kein Instrument zur vollständigen Kontrolle, sondern eine Option, sich durch Übertragung der Verantwortung auf eine Stiftung ohne zeitliche Grenzen gesellschaftlich engagieren zu können.

CN: Das ist genau die emotionale Komponente, die oft unterschätzt wird. Ich habe im Laufe der Jahre in zahlreichen Projekten die steuerlichen Aspekte von Stiftungen beraten und u.a. in der Vermögens- und Unternehmensnachfolge begleitet. Viele dieser Engagements hatten ihren Ursprung in sehr persönlichen Erfahrungen und Motiven ihrer Gründerinnen und Gründer. Wenn Sie aus Ihrer Beratungspraxis einen zentralen Gedanken mitgeben würden: Was ist aus Ihrer Sicht entscheidend, wenn sich jemand mit dem Thema Stiften beschäftigt?

MK: Entscheidend ist aus meiner Sicht, sich frühzeitig und bewusst mit der eigenen Motivation auseinanderzusetzen. Stiften ist keine rein steuerliche oder strukturelle Entscheidung, sondern immer auch eine Frage der persönlichen Haltung. In der Praxis zeigt sich, dass viele den richtigen Zeitpunkt lange hinauszögern. Dabei geht es weniger darum, sofort große Beträge einzubringen, sondern zunächst einen Rahmen zu schaffen, der zum eigenen Leben und den eigenen Vorstellungen passt. Wer diesen Schritt geht, gewinnt Klarheit und kann erleben, welche Wirkung das eigene Engagement entfaltet, und genau darin liegt für viele der eigentliche Wert.

CN: Für unsere Leserinnen und Leser bei HPW: Wir beraten Sie gerne zu allen Fragen rund um Stiftungen und Vermögensnachfolge. Gemeinsam mit der NATIONAL-BANK AG finden wir die Lösung, die zu Ihnen passt. Wenn Sie die angesprochenen Themen vertiefen möchten, werden wir hierfür gemeinsam einen Rahmen für persönlichen Austausch, Fragen und weiterführende Gedanken schaffen.

Herr Koliqi, vielen Dank für das Gespräch!

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